Stätte der Mahnung

Die Judenverspottung – ein Skandal an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg

Wieso diese Schmähplastik, diese gräuliche Judenverspottung an der Stadtkirche Wittenberg, nicht endlich abhaken, zu Staub zermalmen?

Nein. Weil auch schwierige Geschichte erinnerungsbedürftig bleibt, zumal Martin Luther (1483-1546) mit seinem antijüdischen Furor – zusammen mit den meisten seiner Zeitgenossen – zur erschütternden Wirkungsgeschichte gehört: Juden in Deutschland und Europa als stets Gejagte. Kopfschütteln, Wut, Entsetzen, Scham – das alles ist nur zu berechtigt.

Aber Geschichte lässt sich nicht einfach entsorgen. Sie gemahnt uns an Dunkles, auch bei dem großen Reformator Martin Luther und seinen Zeitgenossen. So hatte Luther anfangs gehofft, die Juden würden nun auch endlich in dem Juden Jesus aus Nazareth den lang erwarteten Messias erkennen und ihm glauben. Noch 1523 hatte Luther sehr Judenfreundliches geschrieben und insbesondere darauf verwiesen, dass Jesus „ein geborener Jude sei“. Vom Dialogischen in Glaubensfragen hielt er freilich nichts. Vielmehr vermeinte er im römischen Papsttum, in den eroberungssüchtigen Türken und in den sich bereichernden Juden geradezu apokalyptische Vorreiter zu erkennen. Da sei dann jede Polemik erlaubt, wenn nicht geboten. Unerhörte Gräuelmärchen über brunnenvergiftende Juden waren im Umlauf. Schließlich verstieg sich Martin Luther am Ende seines Lebens zu grausigen Vernichtungsphantasien, die sich von heute aus wie Anweisungen in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager lesen lassen. Daran ist nichts zu entschuldigen – nichts, auch wenn einige wenige der Zeitgenossen Luthers judenfreundlich gestimmt waren. Dem gemeinen Volk galten sie ohnehin als Sündenböcke. Und wer hatte Jesus gekreuzigt? Die Juden.

Auf einem Foto von 1933, dem Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, ist ein evangelischer Pfarrer zu sehen, der einem Parteifunktionär der NSDAP auf diese Schmähung stolz hinweist. Nichts ist zu beschönigen – nichts, zumal die Kirchen im sogenannten Dritten Reich nicht für die verfolgten Juden geschrien, sondern vielfältig feige geschwiegen oder selber mitgemacht haben, bis zur Bereicherung am Hab und Gut der verjagten Mitbürger und Nachbarn. Ein Auftrag zur „Entjudung“ des Neuen Testaments wurde in Thüringen in Auftrag gegeben.

Kaum jemand hatte in den folgenden Jahrzehnten dieses Schandmal wirklich wahrgenommen. Doch anläßlich der Renovierung der Stadtkirche im Jahr 1983, dem 500. Geburtstag Martin Luthers, begann eine längere und zum Teil heftige Kontroverse. Viele meinten beschämt und empört: „So etwas hängt an unserer Kirche?! Weg damit! Endlich und endgültig!“ In einem längeren kontroversen Diskussions- und Gesinnungsprozess kam es zur Entscheidung, dass sich die Stadtkirchengemeinde dieser antijudaistischen Schmähplastik stellt – wenn auch zähneknirschend. Ein Gedenkstein – geradezu ein Stolperstein im Bodenpflaster – wurde eingelassen. Um ein Kreuzeszeichen herum sind die Worte geschrieben: „Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.“ Dazu in hebräischer Schrift der Beginn des 130. Psalms: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.“ Das Unrecht lässt sich nicht zudecken. Die Erinnerung quillt durch die rechteckigen Platten.

In jedem Jahr erinnert die Stadtkirchgemeinde zusammen mit der Stadtöffentlichkeit am 9. November, dem Gedenktag der Reichspogromnacht von 1938, an die Mitverantwortung für das, was den Wittenberger Bürgern jüdischen Glaubens in all den „christlichen Jahrhunderten“ geschehen ist. Es sprach von Größe und hinterließ Erschütterung, als am 11. November 1988 zur Einweihung des Mahnmals der Gemeindeleiter der jüdischen Gemeinde in Magdeburg, Dr. Gunther Helbig, am Schluss seiner Ansprache alle Teilnehmer auf tröstliche und nachdenkliche Weise mit dem Aaronitischen Segen verabschiedete: „Der Herr segne euch und behüte euch…“ Gunther Helbig hatte zu denen gehört, die aktiv an einem jüdisch-christlichen Dialog in der DDR mitwirkten.

Nichts ist zu relativieren – nichts. Die mahnende Erinnerung darf nie aufhören. Die der Vernichtung gerade noch entronnene deutsch-jüdische Lyrikerin Nelly Sachs hat in Worte gefasst, was fast unsagbar bleibt: 

 

Wenn die Propheten einbrächen

durch Türen der Nacht

und ein Ohr wie eine Heimat suchten –

 

Ohr der Menschheit

du nesselverwachsenes,

würdest du hören?

Wenn die Stimme der Propheten

Auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder

blasen würde,

die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte

ausatmete –

wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern

baute –

 

Ohr der Menschheit

Du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,

würdest du hören?...

 

Wenn die Propheten aufständen

in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

würdest du ein Herz zu vergeben haben?

 

Pfarrer Friedrich Schorlemmer
im Auftrag des Öffentlichkeitsausschusses der Stadtkirchengemeinde Wittenberg


Geschichtliche Information

Unter den zahlreichen Darstellungen am Außengemäuer der Stadtkirche Wittenberg – Epitaphe, Heiligenfiguren und anderes – befindet sich auch ein Sandsteinrelief an der Südostecke des Chores, eine Ende des 13. Jahrhunderts entstandene Karrikatur auf die Juden, die sich im Deutschen Reich jener Zeit weit verbreitet findet. Das Hohn- und Spottbild verunglimpft die jüdische Religion durch die Darstellung eines Rabbiners, der unter den Bürzel einer Sau schaut. Weitere Figuren suchen nach deren Zitzen. Das Schwein gilt in der Thora als unreines Tier.

Vermutlich dient das Sandsteinrelief ursprünglich der Abschreckung für Juden, die sich in der Stadt niederlassen wollen. Von Herzog Rudolf I. wird 1304 ein Aufenthaltsverbot für Juden ausgesprochen. Das 1432 erlassene sächsische Vertreibungsmandat wird von Kurfürst Friedrich dem Weisen 1494 bestätigt und von seinem Neffen, Kurfürst Johann Friedrich, 1536 verschärft.

Die Inschrift „Rabini Schem Ha Mphoras“ wird 1570 – im Zuge von baulichen Veränderungen – hinzugefügt. Sie spielt an auf eine Buchstabenspekulation der Kabbala, einer jüdischen Mystik, und gilt bei kabbalistischen Mystikern als ausgelegter Name Gottes und als Zauberformel. In seiner Schrift „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ von 1543 wendet sich Martin Luther gegen die von jüdischer Seite vertretene Meinung, Jesus habe seine Wunder mit Hilfe des „Schem Ha Mphoras“ vollbracht.

Das Mahnmal unterhalb der Schmähplastik wurde am 11. November 1988 enthüllt. Die Bodenreliefplatte entwarf der Bildhauer Wieland Schmiedel, die Umschrift verfaßte der Schriftsteller Jürgen Rennert.

Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block
im Auftrag des Öffentlichkeitsausschusses der Stadtkirchengemeinde Wittenberg


Literaturhinweise

Helmar Junghans, Martin Luther und Wittenberg, München/Berlin 1996, 126f.

Heinz Schilling, Martin Luther, München 2012, 550 ff.

„Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“. Luther und die Juden, hg. v. Volkmar Joestel und Friedrich Schorlemmer, Wittenberg 2007.

Thomas Kaufmann, Luthers „Judenschriften“, Tübingen 2011.


„Martin Luther und die Juden“. Erklärung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 11. November 2015

„Martin Luther und die Juden –

Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“

Im Jahr 2017 feiert die Evangelische Kirche 500 Jahre Reformation. Dabei fragen wir mit Blick auf unser historisches und theologisches Erbe nach wesentlichen Einsichten für heute. Bei aller Dankbarkeit und Freude verschließen wir die Augen nicht vor Fehlern und Schuldverstrickungen der Reformatoren und der reformatorischen Kirchen.

Bedrängende Einsichten

1. Die Reformation zielte auf eine Reform der Kirche aus der Kraft des Evangeliums. Nur in wenigen Fällen kam es dabei zu einer neuen Sicht auf die Juden. Die Reformatoren standen in einer Tradition judenfeindlicher Denkmuster, deren Wurzeln bis in die Anfänge der Kirche zurückreichen.

2. Wir tragen dafür Verantwortung zu klären, wie wir mit den judenfeindlichen Aussagen der Reformationszeit und ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte umgehen. Wir fragen, inwieweit sie eine antijüdische Grundhaltung in der evangelischen Kirche gefördert haben und wie diese heute überwunden werden kann. Der Auseinandersetzung mit der Haltung Martin Luthers gegenüber Juden kommt dabei exemplarische Bedeutung zu.

3. Luther verknüpfte zentrale Einsichten seiner Theologie mit judenfeindlichen Denkmustern. Seine Empfehlungen für den konkreten Umgang mit Juden waren widersprüchlich. Sie reichen vom Plädoyer für einen freundlich werbenden Umgang bis hin zu Schmähungen und Forderungen, die auf eine vollständige Entrechtung und Vertreibung der Juden zielten.

4. Im Vorfeld des Reformationsjubiläums können wir an dieser Schuldgeschichte nicht vorbeigehen. Die Tatsache, dass die judenfeindlichen Ratschläge des späten Luther für den nationalsozialistischen Antisemitismus in Anspruch genommen wurden, stellt eine weitere Belastung für die evangelische Kirche dar.

Belastendes Erbe

5. Zwischen Luthers frühen Äußerungen und seinen späten Schriften ab 1538 mit ihrem unverhüllten Judenhass besteht eine Kontinuität im theologischen Urteil über die Juden. Im Judentum seiner Zeit sah er eine Religion, die ihre eigene Bestimmung verfehlt. Sie lasse sich von der Verdienstlichkeit der Werke leiten und lehne es ab das Alte Testament auf Jesus Christus hin zu lesen. Das Leiden der Juden sei Ausdruck der Strafe Gottes für die Verleugnung Jesu Christi.

6. Luthers Urteil über die Juden war eingebunden in die abendländische Tradition der Judenfeindschaft. Zunächst wies er verbreitete Verleumdungen wie den Vorwurf der Hostienschändung und des Ritualmords als Lügengeschichten ab. Später kehrte er jedoch zu überkommenen Stereotypen zurück und blieb in irrationalen Ängsten und Ressentiments befangen.

7. Ein Zusammenleben von Juden und Christen konnte es für Luther nur auf Zeit und in der Hoffnung auf Bekehrung der Juden geben. In deutlicher Kritik an der üblichen Judenhetze hoffte er 1523, dass, „wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, es sollten ihrer viel rechte Christen werden ...“ („Dass unser Herr Jesus ein geborener Jude sei“). 1543 verfasste er die Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Aus Angst, die Duldung der jüdischen Religion könne den Zorn Gottes auch über das christliche Gemeinwesen heraufbeschwören, empfahl er am Ende dieser Schrift der weltlichen Obrigkeit u.a. die Verbrennung der Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, die Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit. Wenn das nicht helfe, riet er, solle man die Juden „wie die tollen Hunde ausjagen“.

8. Auf Luthers Ratschläge konnte Jahrhunderte lang zurückgegriffen werden. Zum einen hat man sich unter Berufung auf die bedingt judenfreundliche Haltung von 1523 für die Duldung der Juden, aber auch für eine intensivierte Judenmission ausgesprochen. Zum andern hat man sich auf Luthers Spätschriften zur Rechtfertigung von Judenhass und Verfolgung berufen, insbesondere mit dem aufkommenden rassischen Antisemitismus und in der Zeit des Nationalsozialismus. Einfache Kontinuitätslinien lassen sich nicht ziehen. Gleichwohl konnte Luther im 19. und 20. Jahrhundert für theologischen und kirchlichen Antijudaismus sowie politischen Antisemitismus in Anspruch genommen werden.

Erneuernder Aufbruch

9. Nach 1945 kam es in Deutschland zunächst zögerlich zu einem bis heute nicht abgeschlossenem Lernprozess der Kirchen bezüglich ihres schuldhaften Versagens gegenüber dem Judentum. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ihr Verhältnis zum Judentum theologisch neu bestimmt, jede Form der Judenfeindschaft verworfen und zur Begegnung mit dem Judentum aufgerufen. Entsprechende Aussagen sind in die Kirchenverfassungen vieler Gliedkirchen der EKD aufgenommen worden.

10. Luthers Sicht des Judentums und seine Schmähungen gegen Juden stehen nach unserem heutigen Verständnis im Widerspruch zum Glauben an den einen Gott, der sich in dem Juden Jesus offenbart hat. Sein Urteil über Israel entspricht demnach nicht den biblischen Aussagen zu Gottes Bundestreue gegenüber seinem Volk und zur bleibenden Erwählung Israels.

11. Wir stellen uns in Theologie und Kirche der Herausforderung, zentrale theologische Lehren der Reformation neu zu bedenken und dabei nicht in abwertende Stereotype zu Lasten des Judentums zu verfallen. Das betrifft insbesondere die Unterscheidungen „Gesetz und Evangelium“, „Verheißung und Erfüllung“, „Glaube und Werke“ und „alter und neuer Bund“.

12. Wir erkennen die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit unserem reformatorischen Erbe in der Auslegung der Heiligen Schrift, insbesondere des Alten Testaments. Wir erkennen in der jüdischen Auslegung des Tenach „eine auch für die christliche Auslegung nicht nur legitime, sondern sogar notwendige Perspektive“ (Kirche und Israel, Leuenberger Texte 6, II, 227); denn die Wahrnehmung jüdischer Bibelauslegung erschließt uns tiefer den Reichtum der Heiligen Schrift.

13. Wir erkennen, welchen Anteil die reformatorische Tradition an der schmerzvollen Geschichte der „Vergegnung“ (Martin Buber) von Christen und Juden hat. Das weitreichende Versagen der Evangelischen Kirche gegenüber dem jüdischen Volk erfüllt uns mit Trauer und Scham. Aus dem Erschrecken über historische und theologische Irrwege und aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg jüdischer Menschen erwächst heute die besondere Verantwortung, jeder Form von Judenfeindschaft und -verachtung zu widerstehen und ihr entgegenzutreten.

14. „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei“ (Martin Luther). Das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 gibt Anlass zu weiteren Schritten der Umkehr und Erneuerung.

Bremen, den 11. November 2015

Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland
Dr. Irmgard Schwaetzer

Kundgebung der 2. Tagung der 12. Synode der EKD, am 11. November 2015 Bremen, Quelle: EKD


 

„Martin Luther und die Juden – Erbe und Auftrag.“
Eine Verlautbarung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vom 19. November 2016

Zum Lesen bitte anklicken (PDF-Dokumente)


Jüdisch-christlicher Dialog

Die folgenden Seiten (Auswahl) informieren über den jüdisch-christlichen Dialog, der insbesondere seit den Pogromen und dem Holocaust im 20. Jahrhundert ausgebaut und vertieft wurde:

www.ekd.de

www.ekmd.de

www.klak.org

www.christen-juden.de


Aus der Geschichte des Mahnmals

 

mhnml1988-1 

Zum Lesen bitte anklicken! (PDF-Dokument)


 

                                                                                                                                         Stand: Dezember 2016